Es grüßt Sie Ihre Kirchengemeinde.

 Kurzandacht zum Sonntag Reminiszere

27. und 28.Februar 2021

Jesaja 5, 1-7

Irgendwann ist das Maß voll

 

Der Mensch lebt von Familie, von guter Gemeinschaft – denken wir uns heute in eine traurige schwierige Familiensituation hinein.

 

 Ein Elternpaar hat mehrere Kinder. Drei davon sind die eigenen, zwei sind angenommene, sind also Pflegekinder. Beide Eltern arbeiten in sozialen Berufen und sind daher mehr als andere sensibilisiert für die Not, die es überall gibt, und auch mehr als andere kundig in allen möglichen sozialen, pädagogischen und sonstigen Fragen. Die Frau beendet ihre Berufstätigkeit, als das dritte der Kinder ins Haus kommt, und hat dadurch den Rücken frei für die häusliche große Aufgabe. Und sie hat da auch Arbeit genug.

Größtenteils läuft es erfreulich. Die Kinder kommen in der Schule zurecht, finden ihren Weg, Konflikte lassen sich klären, Probleme lassen sich mehr oder weniger lösen, die älteren helfen oft den jüngeren. Bei den Pflegekindern gibt es alle paar Jahre einen Wechsel. Das ist dann nicht leicht - aber alle wussten es und man kann damit umgehen.

Aber mit einer Tochter kommt die Familie eines Tages nicht mehr klar. Sie scheint um das Zehnfache schwieriger als alle anderen. Sie raucht nicht nur, sie nimmt auch heimlich Drogen. Und sie verkauft die sogar weiter, mit 15 Jahren schon, in einer Disco, in die sie sich gegen die Erlaubnis ab und zu hineinstiehlt. Und dann sogar auf einer Klassenfahrt. Es sind noch nicht die schlimmsten Drogen, aber ein Weg bildet sich hier vor. Die Eltern erfahren es von der Polizei - die bald sozusagen Dauergast wird im Haus.

Gespräche helfen nicht. Auch die Worte der anderen Geschwister helfen nicht. Die sind alle keine Lämmer, aber ein paar Grenzen kennen und beachten sie schon. Es wird schlimmer.

Die Tochter zeigt sich sehr schroff. Patzig und verschlossen ist ihr Auftreten oder laut und grob, auffällig ist ihre äußere Erscheinung. Als „krass“ bezeichnen sie sogar Gleichaltrige. Viele Freunde gehen auf Distanz.

Die Lehrer in der Schule sind schon lange am Ende mit ihrer Weisheit – die Anrufe bei den Eltern, die wiederholten Gespräche, die sorgfältig besprochenen und dokumentierten Schritte und Maßnahmen, sie wirken keine Veränderung bei dem Mädchen. Sanktion hilft so wenig wie Freundlichkeit oder Argumente. Der Schulsozialarbeiter empfiehlt eine Familientherapie, die beginnt man auch, und die Psychologin arbeitet engagiert - aber es kommt nicht zu Veränderungen. Gefährliche Alkohol-Experimente und weitere Straftaten vervollständigen stattdessen das Bild.

Die Eltern wissen nicht mehr weiter. Sie haben ja reichlich Erfahrung mit „schwierigen Menschen“ und „schwierigen Kindern“, auch mit Pubertät, auch mit Lernschwierigkeiten, und sie können viel von dem einordnen, was sie erleben. Aber es wird nicht leichter. Auch in der Familie kommen allmählich Leute zu schaden. Nerven sind am Zerreißen. Pflegekinder sagen, dass sie eigentlich lieber gehen würden.

Was tun? Aufgeben? Sich abwenden? Den Kontakt nur noch auf Distanz halten und ganz dosiert – die Tochter zum Beispiel abgeben in ein spezielles Heim und dort nur zeitweise besuchen? Lange ringen die Eltern mit sich.

Geduld kann ein Ende haben. Die Geduld sogar von Eltern kann ein Ende haben“. Liebe kann ein Ende haben – auch die Liebe, die man sich sehr bewusst als Aufgabe wählt.

Stabile und organisierte Menschen können an ihre Grenzen kommen. Sogar im Team und mit Unterstützung.

Sogar Gottes Liebe kann ein Ende haben. Davon hören wir im Bibelwort für diesen Sonntag.

ich will von meinem lieben Freund singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg.

Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte – aber er brachte schlechte.

Nun richtet, ihr … Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg! Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte?

Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er kahlgefressen werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde. Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen.

Des Herrn Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel, und die Männer Judas sind seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, und sieh, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit – und siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.

Jesaja spricht von Weinberg und Weinbergbesitzer, nicht von Eltern und Kind. Aber auch ihm geht es um eine Art von „Familie“. Der „Weinberg“ steht für Gottes Menschen – für das Volk also, das Unrecht tut, sehr ausdauernd, obwohl sie wissen, dass es Unrecht ist, für das Volk, das auf seine Hilfe mit Spott oder Gleichgültigkeit antwortet. Oder gar nicht mehr zuhört?

Ähnlich wie diesem Weinbergbesitzer kann es einem Meister gehen, der einen faulen, unwillig ungeschickten Lehrling im Betrieb eines Tages nicht mehr erträgt und ihm kündigt – trotz sozialer Einstellung, trotz Wissen um die aktuelle Lage und trotz Zuzahlungen von der Arbeitsagentur. Oder so kann es einem Chef gehen, der für einen alkoholsüchtigen unglücklichen Mitarbeiter nichts organisieren kann, weil einfach keine Einsicht da ist. Und so kann es Ehepartnern gehen, die ihr Bestes geben, offen, liebevoll, beweglich und ganz lange – aber der Partner hört einfach nicht auf, Grenzen zu verletzen.

Was dann tun? Wann ist die Liebe endgültig am Ende?

 

Ob es weitergehen kann, ob es anders als in dem traurigen bösen Lied vom Weinberg weitergehen kann –

das hängt wohl vom „Weinberg“, also vom Verursacher, von den Menschen selber ab.

 

Es grüßt Sie Ihre Kirchengemeinde.